China & Shanghai reloaded

Der bisher wohl anstrengendste Tag dieser Tournee führt uns nach Shanghai. Nachdem wir ein letztes Mal das ausgezeichnete Frühstücksbuffet in Pangyo in verkürzter Form geniessen konnten, werden wir um 7.30 Uhr zum Flughafen Seoul Incheon gefahren, um nach einem zweistündigen Flug mit gewöhnungsbedürftigem Bordmenü gegen Mittag im feucht-heissen Shanghai zu landen. Beim Verlassen des Flughafens fühlt man sich, wie wenn man das Bad betritt, nachdem dort jemand zu lange zu heiss geduscht hat.

Die Orchestermitglieder werden vor der später anstehenden Probe noch mit Bussen ins Hotel gebracht, während mein Kollege Sergey sowie Steve Roger von unserer Tour-Agentur nebst chinesischem Tourmanagement und mir per Taxi direkt zum Konzertsaal fahren.
Hatten wir bei unserer ersten China-Tour in der altehrwürdigen Shanghai Concert Hall gespielt, so gastieren wir dieses Mal im zumindest äusserlich futuristisch anmutenden Shanghai Oriental Center – einem so ausufernden Komplex von Gebäuden, dass man ihn in seiner Gesamtheit wohl nur aus einiger Entfernung überblicken könnte. Unsere 29 Instrumenten-Cases sind bereits angeliefert und stehen mehr oder weniger sinnvoll verteilt im für einen noch nicht sehr betagten Konzertsaal erstaunlich schäbigen Hinterbühnenbereich. Wieder einmal zeigt sich, dass es mit der Verständigung bisweilen nicht so einfach ist. Nachdem wir die Bühne mit den für unsere Verhältnisse viel zu niedrigen Orchesterstühlen (etliche Musiker stapeln später einen zweiten Stuhl dazu...) und etwas klapprig wirkenden Pulten bestückt haben, gilt es, dem Bühnentechniker klar zu machen, wie die Bühne abgestuft werden soll. Nach einigen Anläufen gelingt aber auch das. Um 15.30 Uhr soll eigentlich die Probe beginnen; doch das Orchester trifft wegen des starken Verkehrs erst mit einiger Verspätung ein. Draussen regnet es unterdessen in Strömen und der Wunsch nach einer richtigen Mahlzeit wird stärker. Jedoch gibt es zunächst weder ein Café im Haus, noch sonst Möglichkeiten zur Verpflegung in der Nähe. Später werden Bananen und Sandwiches etwas Linderung bringen, aber erst wird mit dem zweiten Solisten dieser Tour geprobt, dem jungen chinesischen Pianisten George Li, der ebenfalls das Grieg-Konzert spielt und ebenfalls nicht mit Zugaben geizen wird. Ausserdem steht nun erstmals Dvoraks Neunte Sinfonie auf dem Programm. Nach dem wunderbaren koreanischen Publikum, zeigen sich die Chinesen im Konzertsaal etwas unruhig. Der Schlussapplaus und die spürbare Begeisterung, mit der auch die Zugabe des Orchesters aufgenommen wird, lassen das sofort wieder vergessen.

Am Ausgang gibt's für alle Musiker ein kühles Bier und auch wir kommen dann gegen 23.15 Uhr endlich in unser Hotel. Zum Glück steht uns nun ein freier Tag in Shanghai bevor, den viele sicherlich eher ruhig angehen lassen, da auch die Weiterreise nach Xi’an sehr früh sein wird.

Matthias Lehmann (Stage-Management)