György Ligeti (1923 – 2006)
Poème symphonique (1962) für 100 Metronome

Robert Schumann (1810 – 1856)
Märchenerzählungen op.132 (1853) für Klarinette,Viola und Klavier

Leoš Janáček (1854 – 1928)
Kinderreime 1. Fassung (1925) für Sopran, Klarinette und Klavier

Béla Bartók (1841 – 1945)
Contrasts (1939) für Klarinette, Violine und Klavier

György Ligeti schrieb sein «Poème Symphonique» für 100 Metronome. Es wird von 10–20 Personen in Bewegung gesetzt. Für die Aufführung des Werks an der ersten Kammermusik-Matinee suchen wir noch Mitspieler! Der Musikdirektor des Luzerner Theaters, Clemens Heil, gibt die Einsätze. Es sind keine musikalischen Vorkenntnisse erforderlich. Am Konzerttag um 10.00 Uhr findet eine kurze Probe statt. Interessierte melden sich bitte per Email: karten@sinfonieorchester.ch, Vermerk «100 Metronome». Der Eintritt für die Mitwirkenden ist offeriert.

Klingt so Heimat? Ganz ohne Alphorn, Kuckucksuhr und Edelweiss? Aber nein, hier geht es um die Heimat der Anderen, der Tschechen, Ungarn und Deutschen des 19. Jahrhunderts. Es ist ein seltsamer Umstand, dass die sonst so präzise deutsche Sprache das Wort Heimat nur im Singular kennt, obwohl kaum zwei Benutzer dieses Wortes das Gleiche darunter verstehen. Heimat teilt sich auf in unendlich viele Vorstellungen des Herkommens, Zuhause seins und Zugehörens in geografischer, ethnologischer, kultureller, geschichtlicher Hinsicht. Dabei stellt die Heimat der Anderen jeweils das Fremde dar; mehr noch: die eigene Heimatvorstellung braucht Fremdheit, denn wie könnten wir wissen, wo wir zu Hause sind, wenn es anderswo genauso wäre wie daheim? Dies gilt in besonderem Masse in der Musik, wo wir unsere ästhetische Heimat selbst wählen und sie doch nicht kennen würden, wenn wir nicht regelmässig das Andere, uns Befremdende aufsuchen würden.

Der glühende Patriot Janáček und der Musikethnologe Bartók sind in dieser Hinsicht besonders interessante Fälle: Ihre Kompositionsstile wurzeln nicht nur in den musikgeschichtlichen Traditionen ihrer Heimatländer, sondern darüber hinaus beeinflussen ihre Muttersprachen ihre Schreibweise bis in die musikalische Feinstruktur hinein. Erstaunlicherweise ist dies aber kein Hinderungsgrund für Nichttschechen und Kaumungarn, diese Musikstile zu verstehen; ja, man könnte eher sagen, dass diese fremden musikalischen Heimstätten umso anziehender, moderner und leidenschaftlicher wirken, je radikaler Janáček und Bartók sie in ihrer Musik umsetzen.

György Ligeti, der im Gegensatz zu seinem Studienkollegen György Kurtág gerade noch dem Fallen des Eisernen Vorhangs durch Emigration entkam, bringt als Kosmopolit einen etwas anderen Blickwinkel mit; die Fremdheit spielt, neben der Bartók-Tradition, in seinen Stücken immer wieder eine grosse Rolle, sei es im Spiel zwischen Mechanik und Interpretation, im Ausbrechen aus dem chromatisch geordneten Tonraum oder aus der Konvention der Oper, wie das im Grand Macabre geschieht. Trotzdem sind uns viele seiner klingenden Fremdheiten seltsam vertraut: Das provokativ mit «Poème symphonique» betitelte Happening für 100 Metronome will radikal die Erwartungen an ein klassisches Konzert dekonstruieren, und doch zeigen diese Metronome im Verlauf des Stücks, dass in ihnen durchaus vertraute musikalische Verläufe stecken, oder besser: Wie stark der Zuhörer fähig ist, seine eigene musikalische Sozialisation in ein zufälliges Klangereignis hineinzuhören.

Bei dem allem könnte man als Hörer nun versucht sein, zu Schumanns Musik Zuflucht zu nehmen wie zu einem angestaubten Bauernhäuschen. Die zumal bei den späteren Kompositionen bisweilen etwas biedermeierlich innig anmutenden Kompositionsoberflächen täuschen aber kaum darüber hinweg, wie viel Irresein und Unbehaustheit diese Werke im Grunde in sich tragen.

Heimat, Zuhausesein, Vertrautheit und das Fremde, Seltsame, Entfernte sind aufeinander an gewiesen; das eine gibt es nicht ohne das andere. Ligetis «Breughelland» aus dem «Grand Macabre» und die Heimat, die wir in uns tragen, reagieren in überraschender Weise aufeinander.

Preise
Alle Karten CHF 25
Schüler / Studierende CHF 10
Mitglieder / Freunde (Andante, Allegro) CHF 20

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